Laurids Anders : Gott betet nicht: Vornehmlich Spinoza: Reiseerzählung
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ISBN: 978-3-7386-3147-0
Laurids Anders
Gott betet nicht: Vormehmlich Spinoza
© by Laurids Anders 2015
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Gott betet nicht
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Klack! hat mein Griff sich eine weitere Dose aus der Tüte genommen.

Den Blick gesenkt gedenke ich all derer, die von höchst unbeschwerter Natur sind (lächel (wie arrogant von mir!)), erweitere zum Trotz den Raum (und Prost, Herr Spinoza!), sehe mit meinem inneren Auge die Winzigkeit der Sonne irgendwo am Rande eines Milchstraßen-Spiralnebels, der über Milliarden von Kilometern Milliarden von Sternen verrührt. "Wer ist das Himmelszelt?!", dolchstoße ich den Zenit, dringe vor in eine unfassbare Weite von Milliarden von Galaxien, jede mit eben den Milliarden von Sonnen beladen. Und Alles dreht und bewegt sich, kommt niemals zur Ruhe. Sterne entstehen und verglühen. Und irgendwann erzählt die Zeit von einem Irgendwo. Dann blicken Teleskope tief und weit und ganz gebannt auf ihre eigene Welt, weil jener Rand des Universums eben nur dem Spiegelbild gefällt.

"Prost, mein Herr", erwidert er, zieht mit etwas müder Geste seinen Hut in die Verbeugung. Ich erhebe mich, lege die Rechte auf meinen Bauch, neige mich zum Gruß. Ich bitte ihn höflich, Platz zu nehmen, entschuldige mich dafür, dass meine Gastfreundschaft ihn nicht erwartet habe. Neinein, meint er, das sei alles kein Problem, zieht den samtenen Rock vor seiner Brust zusammen und setzt sich. Er habe gehört, es gäbe hier auf Malta holländisches Bier, von daher würde er sehr gerne meinem Prostgruß angemessen entsprechen wollen. Schwarze Blicke suchen die Ferne überm Meer, verharren leer, doch seine dünnschiefen Lippen bergen ein Grinsen.

Er dreht den Kopf in meine Augen, streicht sich mit seiner Linken die langen Haare hinters Ohr, heftet fragend Brauen in mein Gesicht, stößt ein Lachen aus, dem die Worte: "Bescheidenes Zuhause, Herr. Aber eine vortreffliche Aussicht!" folgen.

Der Plastiksack ruckelt ein Bier hervor. Ich knicke den Verschluss (und er erschrickt ein wenig), reiche ihm die Dose mit einem Anflug von Verzweiflung weiter, dass es mir an angemessenen Trinkgefäßen fehle.
Er zuckt die Schultern.
Man müsse durch das Loch da auf der Oberseite - ja, da, wo der Schaum zu sehen sei - trinken, erkläre ich.

Er hebt sein Haupt ins Genick, sein Kehlkopf hebt und senkt sich im schlürfgluckernden Mund. Ein "Ah" reibt den Schaum vom Stoppelkinn, knittert die Dose. Mit zufriedenem Gesichtsausdruck wirft er sie übers Geländer, um sich anschließend die Enden seines Oberlippenbarts in akkurate Spitzen zu zwirbeln.

So mein Herr, meint er, dann könne man ja jetzt reden. Er sieht mich dabei auffordernd an, schlägt die schlanken Beine übereinander (es zwickt ihn dabei anscheinend was im Rücken), fragt mich aber erst noch nach dem Beutel auf dem Tisch, ob da Tabak drin sei. Ich öffne ihn, nehme die Papierchenpackung, ziehe ein Blatt heraus, gebe es ihm zusammen mit dem Beutel. Die Nase in das Päckchen gesteckt dringt ein: "Gutgut!" aus ihm hervor, und er rollt sich in Windeseile einen Stängel zurecht. Unwissenheit guckt dann. Und wieder erschrickt er ein wenig, als mein Zeug ein Feuer klackt. Er beugt sich (wohl wieder schmerzgeplagt) zu mir herüber, spitzt sein Gesicht (dass ja der feine Bart nicht in Brand gerät).

Also nun, fragt er, was mir denn auf der Seele liege. Und ich bedanke mich, dass er Zeit gefunden habe, vorbeizukommen.
Ja - meine ich - da sei beim Lesen seines Traktats tatsächlich Einiges unbeantwortet geblieben.
Seine gefällig-faltige Mimik scheint dem Tabak mehr zuzuhören als meinen Worten.
Schließlich ermuntert er mich: "Na denn - sprechen Sie frei heraus!"

Ich zögere, weiß meine Frage, will ihn aber nicht verletzen und sags dann doch: "Sie waren einsam, als Sie den Traktat schrieben, oder?"
Er hebt eine Braue, schweigt und wartet.
"Sie erzählen im Traktat von Freundschaft, Liebe und Verständnis. Aber Ihr Leben scheint nach Ihrer Exkommunizierung diese Zuwendungen verloren zu haben."
Die Braue senkt sich wieder und ich fahre fort: "Bedauern sie die Wege Ihrer Überzeugung?"

"Ja, mein Freund, ich habe viel verloren", (mein Freund, hat er gesagt!) und fährt fort, dass Überzeugungen nicht zu Hass führen dürfen, sondern immer davon frei sein müssten. Ja - man habe ihm für seine Kritiken sehr viel Hass entgegen gebracht, aber bedauern? Nein, er bedauere seinen Weg in keiner Weise.

Ob er von seiner Auflehnung gegenüber den religiösen Ritualen spreche, frage ich.
Er lächelt und meint, er sei von kindesauf darüber verwundert gewesen, wie denn Zeremonien diesen mächtigen Gott überhaupt beeindrucken könnten. Ihm sei dann als Jugendlicher klar geworden, dass sich Gottes Wesen dieses rituelle Gehabe niemals wünschen würde, sich eher davon erniedrigt fühlen müsste.

Aber es ging bei seinem Rauswurf aus der Gemeinde längst nicht mehr um diese Äußerlichkeiten. Vielmehr habe er, als er die Schriften im Hebräischen lesen konnte, allzu oft die Hände über dem Kopf zusammen¬geschla¬gen ob der vielen Widersprüchlichkeiten im Alten Testament.

Neinein - der Glaube an Gott sei davon unberührt. Es betreffe eher die allgemeine Dummheit. "Oh, nicht erschrecken, mein Herr. Nein, nicht Dummheiten in der Schrift." Die Schrift sei doch nur dem Mund des Volks angepasst. Nein, es betreffe die Dummheit des Aberglaubens, die Schreckhaftigkeit des Volks.

Klar sei doch, dass die Schriften für das Volk von damals verfasst wurden. Sie vereinten so eine schöne Geschichtensammlung mit Weissagungen und Wundern. Jedoch benötigen wir in einer aufgeklärten Welt keine Wunder mehr, da in der Natur selbst alle Zeichen Gottes bereits enthalten sind..

Die Zeichen und Wunder seien außerdem erst im Nachhinein von den damaligen Schreibern erdichtet worden, zurechtgerückt und wortfein gemacht für den Sinn des hebräischen Volkes. "Sehen Sie, mein Herr", dreht er den Korbstuhl leicht in meine Richtung. "Was zu damaligen Zeiten - aus Unwissenheit - nicht erklärbar war, dem wurde schließlich eine Begründung oder Kausalität gegeben. Machen wir das nicht alle so? Suchen wir nicht immer irgendwelche Ursachen für einen Zustand im Jetzt?"

"Und wo ist Gott?", frage ich.
Er blickt ein wenig verwirrt und antwortet: "In allem, oder?" Und im Monddunkel sehe ich ihn das Gesicht verkneifen.

Es sei dann doch recht kühl geworden hier oben auf dem Stützpunkt, schüttelt er sich, und die Zeit auch fortgeschritten. Er müsse jetzt los und sich auf seine Rede in der Malteser Ratsversammlung vorbereiten. Das Bier sei vorzüglich gewesen (und ob ich ihm denn etwas von dem Tabak mitgeben könne, vielleicht für einen bevorzugten Preis?).

Er steht auf, zupft seinen Rock zurecht, nimmt den Hut vom Tisch und bedankt sich für das 'außerordentlich korrekte Gespräch'. Neinein, ein Geschenk nehme er nicht an, meint er, als ich ihm meinen Tabak geben will.

"Ich werde Sie noch ein wenig begleiten, wenn es Ihnen recht ist", sagfrage ich, stecke wohlwissend den Beutel in meine Jacke (und höre keinen Widerspruch).

Unten bei der Wendeltreppe treten wir auf das Felsplateau vorm Hotel. Der Portugiese sitzt auf einem Stein, beschabt mit einem Löffelstiel die Futterdose für seine aufgeregte Gemeinde (das sind mindestens zehn Katzen heute, überwiegend sandgestreifte). Er kaut. Wir begrüßen ihn mit einem 'Hello'. Er nimmt uns nicht wahr.

An der Brandung entlang sehe ich am Ende des Stegs Fackeln brennen. Er marschiert voraus, und ich habe Mühe, ihm zu folgen, weil meine Beine wie in Morast gefangen sind. Die Lähmung wird unerträglich. Ich verliere ihn trotz aller Anstrengung, kann nicht weiter.