Ende


Ausgang, 25.11.2012

Der Herbst stürmt eindringlich unter den Jackenstoff. Ich ziehe die schwarze Strickmütze aus der rechten Seitentasche in der Hoffnung auf warme Ohren, und meine Hände streifen sie rasch über den kaumbehaarten Schädel.

Pfützen schimmern dunkles Grau des frühen Abends wider. Spiegelbilder des Himmels auf dem Straßenteer.

In den Eingangsfluchten links und rechts raschelt der Wind die Eichblätter kreiselrund. Eilig blickt das Schrittgeklacker auf rote Häuserziegel. Und dicke Wolkenfetzen breiten unablässig ihr Wetter über die laubleeren Bäume aus.

Ein "Holla" ruft der Schatten links. Beine rückgestreckt, und Knickekehle vorne formt sich das Unerwartete zu einem Reiher. "Na, wenn das mal gut geht!", sucht er sich keck die Lücken zwischen Astgerippen.

Am Abzweig sagt der Wald ein "Bitteschön" und legt mir seine Seele orangebraun vor die Füße. Ich trete artig ein und darf die Schuhe anbehalten.

Ganz leise setzen sie auf Wattewegen einen vor den anderen.

Die Luft ist nicht mehr ganz so mürrisch hier. Aufrauschen mal, dann Platschen. Patsch: Es sind die Blätter, die nach der Böe auf den Boden prallen, wie Regentropfen.

--/--

Muse, 26.11.2012

Wer küsst morgens meine Muse wach?
Ich weiß das nicht - und müsste doch eigentlich.

Das Lachen für den Tag,
die Ruhe der Erinnerung an gestern.

Meine Muse hat keine Sorgen.
Sie ist woanders, hat immer irgendwo ein Alibi.

Manchmal sehe ich sie,
das ist dann besonders schön.
In der Stadt zum Beispiel, und sie winkt von der anderen Straßenseite herüber.

Auf dem abgemähten Feld, hinter der nächsten Kurve.

Beim Klönschnack, unbekannt auf Du. Lachen jetzt am Stehtisch vor den Kaffeetassen.

Wenn die Muse aufsteht, flüstert sie mir Kichererbsen in mein Ohr. Ich kratze mich und muss sie machen lassen.

Meine Muse begleitet mich hin und wieder durch die schnellen Felder, wie neulich am Lauerabend. Ich setze den Blinker hinterm Tor links fürs Maisfeld und weiß: Sie liebt die verborgenen Straßen und engen Gassen.

Im Hinterblick steht die Maschine schräg auf dem Seitenständer, und weite Kreise schieben schnelle Wolken drüber.

Ja - die Muse, die ich niemals küssen darf, ist oft woanders - aber genau so oft bei mir.

--/--

Nachtmeer, 10.12.2012

Schlaf wellt sich.
Schlaf ist eine Dünenlandschaft.

Sie flickert Blicke über das Meer ohne einen Halt
im Halbkreis des Horizonts.

Sie schwebt im trockenen Gras nach
Salz und leeren Muschelschalen.

Schlaf sucht.

Sie sammelt sich zu einem Vogel.
Legt ihre Flügel über mich, walkt Milch aus meinem Herzen.

Möwen rufen die Gedanken unnötig wach, und
ich drehe mich zur Seite im Schwarz.

Was lebt im Getuschel, gammelt in der Hocke und glotzt mich an?

Ich kann der Geduld keinen Zwang antun.

Das Dünenland zieht seine Flügel ein. Nimmt meine Träume unter seine Fittiche und legt sich endlich an meine Seite.

--/--

Ahnung, 14.12.2012

Prosa lyrikt die Gedanken sonstwo hin.
Wie geht es weiter? Was ist der Plan?

Unvermeidbar: Philosophisches.
Dann Raum und Zeit? - Ja - !.

Da lauern Ideen, die ihre Pranken
noch nicht ausgefahren haben.

Ungeordnete Bahnen, die eine Leiter suchen
und aus den Fugen des Eingemachten springen.

"Spinoza", sucht das Ich - ganz weit weg.
Stiert in den Hof und lacht.

(Verwirrt stellt der Autor sein Schreiben ein und sucht erstmal im Internet…

Demut ist eine Trauer, die daraus entspringt, dass der Mensch seine Ohnmacht betrachtet. Insofern aber der Mensch sich selbst durch die wahre Vernunft erkennt, insofern wird vorausgesetzt dass er seine Wesenheit erkennt, das heisst seine Kraft. Wenn der Mensch also, während er sich selbst betrachtet, irgend eine Ohnmacht an sich Wahrnimmt, so kommt das nicht daher, dass er sich erkennt, sondern daher, dass seine Wirkungskraft gehemmt wird. Wenn wir andererseits voraussetzen, dass der Mensch seine Ohnmacht dadurch begreift, dass der eine größere Macht als die seine erkennt, durch deren Erkenntnis er seine Wirkungskraft bestimmt, dann nehmen wir nichts anderes an, als dass der Mensch sich selbst deutlich erkennt oder dass seine Wirkungskraft gefördert wird. Mithin entspringt die Demut oder die Trauer, die daraus entspringt, dass der Mensch seine Ohnmacht betrachtet, nicht aus der wahren Betrachtung oder aus der Vernunft; und sie ist keine Tugend, sondern eine Leidenschaft.

Spinoza, Ethik 4. Teil. Lehrsatz 53-55)

Nochmal gelesen und ganz knapp auf meinen Punkt gebracht:

„Demut ist keine Tugend, vielmehr eine Trauer, die aus der Ohnmacht entspringt."

Wow! Die Erkenntnis ist 350 Jahre alt. Alle
Achtung! Und weiter verstehe ich Etwas wie:

„Wille und Verstand sind ein und dasselbe".
Kaum wundervoller zu beschreiben!

Ich will, also bin ich, hallt meine Einsicht
leidenschaftlich in den Winter.

Nein. Nicht so laut. Weil - wenn der Wille
nach vorne schaut, weiß der Verstand,
was gewesen war.
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Foto © by Laurids Anders
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